2022 lancierte die Universität St. Gallen ihren Bachelorstudiengang in Informatik. Parallel dazu gründeten Studierende das ACM Student Chapter St. Gallen: das erste seiner Art an der HSG und Teil des globalen Netzwerks der Association for Computing Machinery.
“Wir sind die erste von Studierenden geführte Vereinigung für Informatikstudierende an der HSG.”
Das Chapter verfolgt drei Ziele: Erstens, die studentische Community und den Austausch unter Gleichgesinnten zu fördern. Zweitens, Unterstützung beim Lernen anzubieten, etwa mit Prüfungszusammenfassungen oder Übungsmaterialien. Drittens, mit Networking-Anlässen, Coding Nights und gezieltem Matching Brücken in die Berufswelt zu bauen.
Die Organisation ist eng mit der School of Computer Science verbunden. “Wir haben kurze Wege zur Fakultät. Wir können einfach im Büro vorbeigehen”, sagt Müller. Auch Studierende bringen sich aktiv bei der Gestaltung von Aktivitäten ein: “Wenn jemand eine tolle Event-Idee hat, unterstützen wir das – solange es gut organisiert ist.”
Praxisnahe Formate, die Studierende motivieren
Ein zentrales Format ist die “Coding Night”: An einem Abend lösen Studierende reale Probleme entweder für sich selbst oder in Zusammenarbeit mit Unternehmen. “Zeitdruck und Teamgeist schaffen eine Atmosphäre, in der man einfach eintaucht.”
Für das kommende Herbstsemester ist die erste Zusammenarbeit mit einem Unternehmen geplant. Auch Bachelorarbeiten mit Praxisbezug sind eine gute Möglichkeit, sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Solche Kooperationen seien noch selten, merkt Müller an. Ein Problem: “Man sitzt dann zwischen zwei Stühlen: zwischen Unternehmen und Universität, ohne klare Zuständigkeit auf beiden Seiten.”
Der Bedarf nach klareren Abläufen zeigt sich auch von Unternehmensseite: “Wenn Firmen mit einem klaren Thema kommen, ist es für uns Studierende viel einfacher, loszulegen.”
Nicht alle Beiträge des Chapters lassen sich aufzählen. Manche entstehen ganz natürlich von unten herauf, wie Müller sagt: “Sachen wie Fallstudien oder Coding Sessions entwickeln sich oft aus Gesprächen unter vier Augen.”
Wirklich wichtig sei die Haltung: offen, flexibel und lösungsorientiert.

Die Abschlussarbeit im Zeitalter von KI
Als Informatikstudentin nutzte Müller nicht nur KI, sie setzte sich auch wissenschaftlich damit auseinander. Ihre Bachelorarbeit untersuchte den Placeboeffekt in angeblich KI-gestützten Benutzeroberflächen. Das überraschende Ergebnis: Schon der Glaube daran, mit KI zu arbeiten, kann das Erleben positiv beeinflussen – selbst dann, wenn es gar keinen echten KI-Effekt gibt.
Doch nicht nur das Verhalten verändert sich. Auch Abschlussarbeiten selbst entwickeln sich weiter. Viele klassische Aufgaben wie Literaturrecherchen oder Gliederungen lassen sich heute teilweise automatisieren. Das spart Zeit, wirft aber neue Fragen auf: Was gilt noch als Eigenleistung? Wo beginnt externe Hilfe?
“Früher war Recherche essenziell. Heute kann man zehn Papers sofort zusammenfassen lassen.”
Für viele Studierende entsteht dadurch Unsicherheit: Welche KI-Nutzung ist erlaubt? Wie transparent müssen Prompt-Logs sein? Und: Wird meine Arbeit am Ende noch von einem Menschen gelesen? Oder von einem Algorithmus zusammengefasst?
“Man fragt sich: Liest meine Arbeit noch ein Mensch? Oder wird sie schon von KI verdaut?”
Gerade in diesen Grauzonen ist Kommunikation zentral. Was KI leisten kann, ist beeindruckend, aber entscheidend ist, wie wir gemeinsam damit umgehen. Für Müller ist eines klar: Technologie ersetzt keine gute Betreuung. “Die Betreuungsperson macht 50 Prozent der Thesis-Erfahrung aus. Vertrauen, Feedback, Dialog – das ist nicht ersetzbar.”
Vertrauen in den Bewertungsprozess ist ebenso wichtig. Müller erinnert sich an eine konkrete Sorge: “Wenn ich ein Kapitel selbst schreibe und es als ‘100% KI-generiert’ markiert wird: Das wäre wirklich übel.”
Für sie ist KI ein Werkzeug, kein Ersatz für kritisches Denken, persönlichen Einsatz und den menschlichen Austausch. Und damit das so bleibt, braucht es klare Regeln und gegenseitige Offenheit.
Wie geht es weiter? Müllers ursprünglicher Plan, ihre Thesis bei Porsche zu schreiben, scheiterte am Aufwand: “Es fühlte sich so an, als müsste ich zwei Stakeholder gleichzeitig zufriedenstellen.” Für ihre Masterarbeit ist sie aber offen für eine Zusammenarbeit mit einem Unternehmen, wenn das Thema konkret und das Setup klar definiert ist: “Ich möchte wissen, dass meine Arbeit tatsächlich nützlich ist.”

