Zwischen Theorie und Praxis
Wie beginnt eigentlich eine Karriere im Steuer- oder Wirtschaftsprüfungsbereich? Für Simone Prinzen begann alles mit einem unerwarteten Anstoss: „Ich bin durch eine Mitstudentin zu PwC gekommen. Ihre Geschichten aus dem Berufsalltag haben mich fasziniert.“ Was zufällig begann, wurde schnell zu ihrer Leidenschaft. Nach ihrem Studium an der Universität St. Gallen und dem anspruchsvollen Abschluss der Ausbildung zur Schweizer Steuerexpertin ist sie heute Managing Director für Steuer-, Rechts- und Personalberatung bei PwC Schweiz.
Doch ihr Weg war nicht vorgezeichnet: „Es war hart. Aber sobald ich im Job war, fühlte sich jeder Schritt logisch an.“ Der Schlüssel, sagt sie, war die Verbindung von Theorie und Praxis – etwas, das auch heute noch ihren Umgang mit Studierenden prägt: „Viele denken, Steuern seien trocken. Aber in Wirklichkeit geht es um aktuelle, gesellschaftlich relevante Fragen.“
Korbinian Petzi, der seit über 15 Jahren in der Wirtschaftsprüfung tätig ist, hatte eine ähnliche Motivation: „Ich wollte nicht nur ein Unternehmen kennenlernen, sondern viele. Das hat mich zur Wirtschaftsprüfung geführt.“ Heute arbeitet er hauptsächlich mit KMU und Familienunternehmen im Dreiländereck Basel. Was macht es so besonders? „Diese Unternehmen agieren anders als Grosskonzerne. Es geht um Menschen, Prozesse und langfristige Strategie.“
Obwohl beide Führungskräfte in unterschiedlichen Bereichen tätig sind, teilen sie dieselbe Philosophie: Die Brücke zwischen Universität und Arbeitswelt beginnt lange vor dem ersten Arbeitsvertrag. „Wenn ich Studierende treffe“, sagt Prinzen, „möchte ich ihnen offen und ehrlich zeigen, wie unser Arbeitsalltag aussieht. So können sie die Möglichkeiten, die ihnen ihr Studium eröffnet, wirklich erkennen.“
Abschlussarbeiten: Chancen erkennen, Praxisbezug herstellen
Für viele Studierende ist die Bachelor- oder Masterarbeit der letzte Schritt vor dem Abschluss – oft stressig, aber auch voller ungenutzten Potenzials für praktische Erfahrungen.
Simone Prinzen erinnert sich an ihre eigene Erfahrung: „Ich habe bereits während des Schreibens meiner Abschlussarbeit gearbeitet. Das war ein Fehler. Mein Rat? Erst das Studium abschliessen, dann arbeiten. Das Leben ist lang. Der Job läuft einem nicht weg.“
Heute wird sie häufig von Studierenden kontaktiert, die im Rahmen ihrer Abschlussarbeiten Experteninterviews führen möchten. Ein besonders prägnantes Beispiel? „Ein ehemaliger Praktikant schrieb seine Masterarbeit über die globale Mindestbesteuerung. Dank seiner vorherigen Zusammenarbeit mit uns verlief alles hervorragend.“
Für Prinzen liegt der Schlüssel in gezielter Einbindung, nicht in einer vollständigen Integration: „Experteninterviews sind sehr effektiv. Eine umfassende Unternehmenspartnerschaft ist zeitlich nicht machbar. Und letztendlich wird die Arbeit vom Professor bewertet, nicht von uns.“ Korbinian Petzi stimmt dem zu – unter einer wichtigen Bedingung: „Gegenseitiger Respekt. Wenn Studierende vorbereitet sind, mit konkreten Fragen und echtem Interesse erscheinen, hinterlassen sie einen bleibenden Eindruck.“
Worüber sollten Studierende also schreiben? Beide empfehlen steuerbezogene Themen mit Praxisbezug – wie Mindestbesteuerung, Pensionskassen oder Handelsrisiken. „Das sind dynamische Themen“, sagt Petzi, „mit hoher gesellschaftlicher Relevanz und echtem Forschungspotenzial. Studierende können hier einen wertvollen Beitrag leisten.“
Doch wie gelingt die Zusammenarbeit zwischen Studierenden und Unternehmen konkret? „Wir brauchen eine bessere Koordination“, sagt Prinzen. „Wenn Studierende mit klaren Zielen und guter Vorbereitung – idealerweise unterstützt von ihrer Universität – an die Arbeit gehen, entsteht echter Mehrwert.“
Ein häufiges Problem? Der richtige Zeitpunkt.
„Oft hören wir erst von grossartigen Abschlussarbeiten, wenn sie bereits abgeschlossen sind“, warnt Prinzen. „Dann ist das Talent aber schon weg.“
Hier können Plattformen wie Studyond eine wichtige Rolle spielen – indem sie Themen und Talente frühzeitig sichtbar machen und die Zusammenarbeit fördern.
Und ihr Rat an Studierende, die mitten im Schreibprozess stecken?
„Macht euch nicht zu viele Sorgen. Geht einen Kaffee trinken, macht einen Spaziergang – und schreibt dann weiter.“
– Simone Prinzen
„Seid gut vorbereitet. Wisst, was ihr fragen wollt. So nutzt ihr die Zeit optimal.“
– Korbinian Petzi
Neue Karrierewege: Wenn Schnelligkeit auf Substanz trifft
Die Bereiche Steuern und Wirtschaftsprüfung befinden sich im Umbruch – nicht nur technologisch. Simone Prinzen bringt es mit einem Lächeln auf den Punkt: „Als ich anfing, benutzten wir noch Schreibmaschinen.“ Und heute? KI-gestützte Analysen, digitalisierte Prozesse und höhere Effizienzerwartungen, insbesondere an Nachwuchskräfte. „Die grundlegenden Aufgaben, die Berufsanfänger früher lernten, werden heute von Systemen erledigt. Die Frage ist also: Wie bilden wir Nachwuchskräfte trotzdem aus?“ Hier müssen Wissenschaft und Wirtschaft enger zusammenarbeiten.
Korbinian Petzi hat diese Entwicklung hautnah miterlebt: „Früher nahmen wir Papierakten mit zu Kundengesprächen. Heute arbeiten wir hybrid, datengetrieben und vernetzt.“ Gerade für mittelständische Unternehmen sieht er enormes Potenzial: „Man ist nah an den Entscheidungsträgern, kann Themen von Anfang bis Ende begleiten und langfristiges Vertrauen aufbauen.“
In einer Welt, in der sich Wissen fast täglich aktualisiert, rücken neue Kompetenzen in den Vordergrund: Resilienz, Kommunikationsfähigkeit, Datenkompetenz. Oder, wie Petzi es formuliert: „Studierende, die sich proaktiv vorbereiten und offen kommunizieren – an die erinnert man sich. Und das kann Türen öffnen.“
Wie geht es weiter: Der Transfer beginnt mit der richtigen Einstellung, nicht mit einer Präsentation
Ihre abschliessende Botschaft? Die Verbindung zwischen Universität und Wirtschaft ist kein einmaliges Projekt. Es ist ein Prozess mit Struktur, Zeitplan und Verantwortung.
„Nicht jeder in der Praxis kann ein komplettes Abschlussprojekt übernehmen“, sagt Simone Prinzen. „Aber mit der richtigen Koordination können wir definitiv einen wertvollen Beitrag leisten.“
Und wenn es schwierig wird – sei es bei der Motivation, der Kommunikation oder der Themenfindung?
„Einfach anfangen. Arbeitet ein paar Tage konzentriert an einem Thema, und ihr werdet bereits mehr wissen als 95 % der anderen“, sagt Korbinian Petzi.