Wo Wissenschaft auf die Welt trifft
CERN – die Europäische Organisation für Kernforschung – ist ein Ort der Extreme: an der schweizerisch-französischen Grenze gelegen, über 100 Nationalitäten, Spitzenforschung zum Ursprung und zur Struktur des Universums. Und: eine bemerkenswerte Infrastruktur für Bildung, Talententwicklung und Zusammenarbeit. Forschung bei CERN ist nie eine Einzelleistung.
Neben rund 2'700 Mitarbeitenden arbeiten hier jedes Jahr Tausende Studierende, Doktorierende und Praktikantinnen und Praktikanten in Genf. Viele bleiben; manche ein Leben lang. Das weitläufige Areal – Labors, Werkstätten, Büros und Besucherzentren – ist ein Treffpunkt, an dem Technik und Wissenschaft auf Neugier treffen, Fachwissen auf Offenheit.
Wir haben vier Menschen besucht und interviewt, die diese Vielfalt leben.
Vielfalt gestalten: HR-Arbeit bei CERN
Sabrina Holthausen und Flavia Düsselberg arbeiten im Talent-Acquisition-Team von CERN, einem Bereich, in dem Employer Branding nicht nur ein theoretisches Konzept ist, sondern in jeder E-Mail und an jeder Veranstaltung sichtbar wird. Unter anderem sind beide für die Koordination von Outreach-Aktivitäten in Deutschland und den Niederlanden zuständig, darunter Partnerschaften mit Hochschulen (für angewandte Wissenschaften), um junge Talente frühzeitig auf die vielfältigen Karrieremöglichkeiten bei CERN aufmerksam zu machen, sie einzubinden (und in gewissen Fällen den gesamten beruflichen Werdegang mitzugestalten).
„Viele denken, sie seien nicht gut genug für CERN“, sagt Holthausen. „Aber wir suchen nicht den perfekten Lebenslauf. Wir suchen Menschen mit Neugier und Mut.“
Das Ziel: Karrierewege sichtbar machen, bevor sie festgelegt sind. Mit Praktika, Sommerschulen oder Thesis-Möglichkeiten bietet CERN Einstiegspunkte, die oft nahtlos in Doktoratsprogramme oder Festanstellungen übergehen. Der Fokus liegt nicht nur auf Spitzenforschung, sondern auch auf Begegnung und Begleitung. Holthausen erzählt von einem Talent, das nach einem Praktikum die Masterarbeit bei CERN schrieb, als Research Fellow zurückkehrte und heute Projekte leitet: „Wenn jemand bei uns den Einstieg schafft, kommt die Person oft wieder zurück.“
Düsselberg kennt die Herausforderungen von der anderen Seite: „Die Hochschullandschaft ist sehr fragmentiert. Es gibt viele Akteure, aber oft keine zentrale Ansprechperson.“ Ihr Ansatz: Beziehungen aufbauen, präsent bleiben, zuhören. Ob an Karrieremessen, Infoveranstaltungen oder Roadshows.
„Wir bieten Formate für unterschiedliche Studienphasen an“, erklärt Düsselberg. „Wichtig ist, dass die Studierenden sich gesehen fühlen und verstehen, dass CERN keine geschlossene Welt ist.“
Auch wenn Abschlussarbeiten nicht immer offiziell ausgeschrieben sind, sind sie oft Teil grösserer Programme. „Eine Thesis ist oft der erste Berührungspunkt. Sie schlägt die Brücke zwischen Universität und Praxis – und zeigt, wie vielschichtig Forschung sein kann“, sagt Holthausen. „Wer bleibt, sind diejenigen, die Fragen stellen, Initiative ergreifen und sich zeigen.“ Der Einstieg beginnt oft mit einem Gespräch und der Offenheit, etwas Neues auszuprobieren.
Zwischen Technik und Teamgeist: Arbeit in der Beam Instrumentation
Jean Michel Meyer ist Senior Electronics Technician in der Beam Instrumentation Group. Gemeinsam mit seinem Team stellt er sicher, dass der wissenschaftliche Betrieb im gesamten Beschleunigerkomplex von CERN reibungslos läuft. Das ist ein Job mit grosser Verantwortung: „Allein im LHC sind rund 3'800 Sensoren in Form von Ionisationskammern installiert. Die meisten davon sind mit dem Interlock-System verbunden. Fällt einer aus, kommt der Betrieb zum Stillstand.“
Ein Einsatz im SPS-Beschleuniger hat sich ihm besonders eingeprägt: „Wegen der hohen Strahlung durfte jedes Teammitglied am Einsatzort nur zwei Minuten arbeiten. Jeder einzelne Schritt war im Vorfeld detailliert geplant – ohne perfekte Kommunikation und Koordination im Team wäre das nicht möglich gewesen.“
Neben seinen technischen Aufgaben ist Meyer auch in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv, etwa bei Führungen für Besucherinnen und Besucher: „An Spitzentagen kommen bis zu 4'000 Personen nach CERN. Ich teile meine Begeisterung gerne, auch mit einem bisschen rheinischer Offenheit.“ Eine Frage, die ihm besonders oft gestellt wird, ist die nach einem typischen Arbeitsalltag. „Die meisten merken nicht, wie wichtig technische Berufe für die Forschung sind. CERN ist wie eine Hochgeschwindigkeitsautobahn für Teilchen, und wir überwachen, ob unterwegs Probleme auftreten.“
Seine Botschaft an junge Menschen: „Nutzt Chancen, solange ihr sie habt. Verlasst eure Komfortzone. Es lohnt sich!“
Grundlagenforschung erleben: Montague King im PhD-Programm
Montague King promoviert an der University of Liverpool und forscht gleichzeitig bei CERN in der Beam Instrumentation Group. Sein Thema: beam-loss monitors – Systeme, die warnen, wenn der Teilchenstrahl Teilchen verliert. „Wir sind wie ein Sensorsystem, das Alarm schlägt, bevor etwas kaputtgeht.“
Was ihn begeistert, ist die Verbindung von Theorie und Anwendung. Neben der Datenanalyse hat er Detektoren mitentwickelt, Konferenzen in Beijing und Liverpool besucht und alle Beschleuniger bei CERN besichtigt. „Forschung bedeutet, ein Problem zu haben und eine Lösung zu finden – sei es in der Grundlagenforschung oder in der angewandten Forschung.“ Den offenen Austausch schätzt er sehr:
„Die Cafeteria ist wie eine kleine UNO. Man lernt unglaublich viel voneinander.“
Von den Universitäten wünscht er sich mehr echte Projekte und weniger rein theoretische Essays. Abschlussarbeiten sollten wie wissenschaftliche Artikel klingen – „nicht wie Enzyklopädien“.
Sein Rat an Studierende: „Viele zögern, zu fragen oder sich zu bewerben. Aber genau das braucht es: Interesse zeigen und eine Chance ergreifen.“
Ausblick: Abschlussarbeiten als Brücken in die Praxis
Was alle vier Teilnehmenden verbindet, ist ihr Glaube an Neugier, Zugang und Begegnung. Ob in der HR, im Engineering oder in der Forschung – sie möchten, dass junge Menschen ihre Neugier ernst nehmen und ihre Arbeit sichtbar machen.
Abschlussarbeiten sind mehr als ein letzter Schritt des Studiums: Sie öffnen Türen, schaffen Netzwerke und bieten Lernräume. In einem internationalen Kontext wie CERN verbinden sie Wissensproduktion mit interkultureller Erfahrung – und oft mit einer Jobmöglichkeit.
Der Appell an die Universitäten ist klar: mehr Zusammenarbeit, mehr Mut, mehr Praxisbezug. Oder wie Montague King es formuliert: „Wenn du dich nicht bewirbst, bist du schon abgelehnt.“
